Unlogik im EWTO Wing Tsun

Unlogik im EWTO Wing Tsun
14
Feb

Herzlich Willkommen – K.R. Kernspecht hat eine Reihe von Punkten aufgestellt die beweisen sollen, dass sein neues und sehr weiches / spontanes Wing Tsun einem technikorientierten WT überlegen ist. Leider sind seine Argumente nicht haltbar. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.

Es gibt ein paar ganz einfache Grundregeln in der Lerntheorie.

Zuerst muss es einen Rahmen dafür geben was ich lernen möchte. Strukturen und Inhalte, so definiert, dass sie nachvollziehbar, wiederholbar und störresistent sind.

Erfolgreiche Spontanität ist das Ende des Lernprozesses – die freie Kombination der gut gelernten und am Ende automatisierten Handlung.

Die Spontanität und Flüssigkeit in der Bewegung eines Top-Athleten ist das reine Resultat seiner Erfahrungen und ständigen Versuche sich technisch und taktisch weiter zu bilden und zu verfeinern. Die Menge dieser Korrekturbemühungen und Korrekturmechanismen bestimmt darüber wie klar das Bild über die Funktion einer Technik in meinem Gehirn sein wird.

Dabei bleiben Techniken immer gleich (sie sind Referenzen und keine Variablen), ganz egal in welchem Sport. Über Sieg und Niederlage entscheidet neben der reinen technischen Fertigkeit auch der punktgenaue Einsatz einer Technik und die Kombination der Techniken. Natürlich können sich auch Technik-Variationen als erfolgreich entpuppen. Aber auch diese müssen erst lange geübt werden um unter Stress sinnvoll eingesetzt werden zu können.

Mag die Lösung einer Situation noch so improvisiert, also unvorhersehbar sein und aussehen, so ist sie doch das Resultat von Jahrelanger strenger Übung in der das Vorhersehbar, der Plan eine überwältigend große Rolle spielt.

Über Fehler in K.R. Kernspechts Aussagen in seinem Text über sog. „Fehler und Merkmale eines technikorientierten, äußerer Wing-Tsun“.

„Merkmale technikenorientierter äußerer Wing-Tsun-Stilisten.“

Zuerst immer die Aussage von Meister Kernspecht (K.R.K.), danach die sportwissenschaftliche Perspektive (Sifu Groß)!

1. K.R.K.: Sie wollen – koste es, was es wolle! – fertige Techniken aus den Formen zur Anwendung bringen.

Sifu Groß: Die Formen dienen seit Jahrhunderten als Refernzmodell für die Ausführung von Techniken. Nur aus diesem Grund macht es Sinn sie zu üben.
„Koste es, was es wolle“ ist eine aus der Luft gegriffene Behauptung ohne weiteren Sinn.

2. K.R.K.: Große Anspannung, zu viel Vorwärtsenergie und kriegerischer Gesichtsausdruck

Sifu Groß: Selbst in den Pushing Hands des Taiji wird mit anständiger Struktur und Voraktivierung gearbeitet. Die Aussage „zu viel“ ist genauso unsinnig wie „zu wenig“. Das Maß ist genau zu definieren, wie viel Energie ist nötig um in einem realistischen Kampf zu bestehen? „Der kriegerische Gesichtsausdruck“ ist bekannt von vielen EWTO-Bildern, vielleicht haben sich das einige zum Vorbild genommen?

3. K.R.K.: Sie fürchten sich davor, locker zu kämpfen, aus Angst, ihre „Techniken“ könnten „eingedrückt“ werden.

Sifu Groß: Wer mit anständiger Kraft vorgeht braucht sich nicht zu fürchten. Nachgegeben wird im Wing Tsun auf starke Drücke des Angreifers. „Weich“ bedeutet in gutem Wing Tsun ausschließlich die Fähigkeit auf starke Drücke mit der eigenen (schwächeren) Kraft nachzugeben.

4. K.R.K.: Feste Techniken und Armpositionen, die in einem bestimmten Winkel zum Körper einrasten.

Sifu Groß: In der gesamten Sportwissenschaft definieren sich Techniken u.a. über die Gelenkwinkel, auch das Gehirn brauch Richtwerte über Winkel die sich bewährt haben um im Notfall das Richtige zu tun; daran sollte man sich nach Möglichkeit halten. Zum Glück können Gelenke nicht „einrasten“, aber natürlich geht es hier um das Spiel mit „bösen“ Worten.

5. K.R.K.: Sie wollen sich vom Druck des Gegners in bestimmte Technikpositionen und Körperhaltungen zwingen lassen, womit sie sich berechen- und manipulierbar machen.

Sifu Groß: Verforme ich mich nur auf großen Druck so hat der Angreifer zumindest viel zu tun um mich mit einer Finte zu täuschen. Wenn wir nur auf relevante Drücke nachgeben, dann ergibt sich die Verformung genau im richtigen Moment.

6. K.R.K.: Sie fixieren ihr Schulterblatt und halten ihren Rumpf angespannt, weil sie die aufgenommene Kraft von den starren Armen auf die Füße übertragen wollen, um sie für die obligatorische Wendung der ChamKiu-Form nutzbar zu machen.

Sifu Groß: Eine integrierte Körperhaltung ist physisch wie psychisch von großem Vorteil. Angehobene oder zu lockere Schultern machen die eigene Position schwach und stehen für Verunsicherung.

7. K.R.K.: Sie benötigen einen starken, anhaltenden gegnerischen Druck, damit ihre vorgeplanten Verteidigungsbewegungen ausgelöst werden.

Sifu Groß: Wenn der Gegner nicht stark genug drückt setze ich meine Angriffe durch ohne, dass eine Verteidigungsbewegung ausgelöst wird. Das Wort „vorgeplant“ stimmt nur in Bezug auf den gesamten Lernprozess, in der eigentlichen Anwendungssituation zeigt sich nur ob der gelernte Plan aufgeht oder nicht. Wer ohne Plan vorgeht, der kommt auch im taoistischsten Sinne nicht zum Erfolg.

8. K.R.K.: Das führt dazu, dass sie bei schon bestehendem engen Kontakt zum Gegner nicht mehr reagieren können.

Sifu Groß: Der hohe Verteidigungsdruck führt dazu, dass es zu einer gefährlichen Enge, wie von Kernspecht in vielen Videos demonstriert, gar nicht erst kommen kann.

9. K.R.K.: Sie geben nur dem „viel stärkeren“ Angriffsdruck nach und glauben trotzdem, dass sie WingTsun machen.

Sifu Groß: Ist der Angriff des Gegners nicht stark so brauche ich nicht nach zu geben. Ich kann dies tun; da ich im Ernstfall von einem sehr kräftigen Angriff ausgehe sollte ich im Training jedoch nicht zu spielerisch locker arbeiten – ein böses Erwachen könnte im Ernstfall die Folge sein.
Spielen beispielsweise zwei ähnlich starke Mannschaften Fussball gegeneinander, so kann sich keine von beiden erlauben weich und nachgiebig zu sein. Selbst in rückwärts gerichteten Spielzügen bleibt ein aussergewöhnlich hoher Vorwärtswille zum gegnerischen Tor enthalten.

10. K.R.K.: Sie geben nicht mit dem ganzen Körper, sondern nur mit dem Arm zu Bong, Tan & Co. nach.

Sifu Groß: Die wesentliche Bewegung findet im Arm statt, so kann u.a. der Kopf und Rumpf ruhig bleiben. Die Bodypostures/Technikpositionen beschreiben immer die gesamte Körperposition. In einem zu weichen und pseudointuitiven Wing Tsun wird überall nachgegeben, dies geschieht entweder ohne Refernzmodell einer sinnvollen Position und wird dadurch im Notfall versagen, oder die Bewegung ist entsprechend sehr komplex und dadurch Anwenderunfreundlich.

11. K.R.K.: Unter „Borgen der gegnerischen Kraft“ verstehen sie nur die Verformung zu Bong & Co und das Vorschnellen der befreiten Hand.

Sifu Groß: Das Wing Tsun wurde von einer älter werdenden und vormals sehr sportlichen Dame entwickelt. Die Kraft des Gegners im Sinne einer reaktiven Vorgehensweise zu bremsen und teilweise gegen ihn zu verwenden ist daher unglaublich intelligent. Im Alter abnehmende Reaktionszeiten und Kraft können so kompensiert werden. Taktisches Vorgehen wie in jedem anderen Sport gehört natürlich auch in das Themenfeld des „Kraft borgens“. Dies ist aber keine Besonderheit des Wing Tsun. Das Antizipieren des gegnerischen Spielzugs sowie einer eigenen Strategie ist etwas ganz normales in fast jeder Bewegungshandlung.

12. K.R.K.: In Wahrheit glauben sie nicht an die Möglichkeit der Ausnutzung der gegnerischen Energie.

Sifu Groß: Fangfrage. Doch, das glauben wir, Nachgeben, Verformen, Energiespeicherung, Energieübertrag, das sind ganz konkrete Möglichkeiten der Nutzung der gegnerischen Energie. Ganz nebenbei liegen keine anderen sinnvollen Modelle zur Ausnutzung der gegnerischen Energie im Wing Tsun vor, Taktiken wie beispielsweise im Mannschaftssport sind im Wing Tsun aufgrund der großen Nähe zwischen Angreifer und Verteidiger wenig erfolgsversprechend!

13. K.R.K.: Sie haben vom gesamten WingTsun nur GM Kernspechts altes Keilmodell aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts verstanden. Aber das ist nur ein Aspekt des WingTsun.

Sifu Groß: Sie haben das verstanden was gut funktioniert, erklärbar ist, Sinn macht und sich fantastisch anfühlt. Daneben ist das letzte Jahrhundert noch nicht all zu lange her, es besteht ganz sicher kein Zwang das wunderbar gewachsene Wing Tsun zu verändern. Im Gegenteil unser Ruf leidet darunter sehr und als Entspannungstechnik eignet sich beispielsweise Yoga wesentlich besser.

14. K.R.K.: Sie haben die „Rolle“ der Augen im Kampf völlig aus den Augen verloren und reagieren erst auf die Kontaktaufnahme.

Sifu Groß: Die Augen sind immer dabei, sie sind unser wichtigstes Sinnesorgan. Im Gedränge, in der Enge, bei Nacht etc. können Sie aber nur einen Teil der relevanten Informationen zur konkreten Problemlösung liefern. Der Rest wird im Wing Tsun sinnvoller Weise über das Lagegefühl, Technik, Kraft und über Erfahrung gelöst. Übrigens ist das Lageempfinden in allen „engen Sportarten“ der wichtigste Sinn! Aufgrund der extrem schnell geforderten Reaktionen ist das Auge mit zwei dazwischen geschalteten Synapsen etwas langsamer als das Lageempfinden. Das Auge trifft im Wing Tsun nur allgemeine Hintergrundentscheidungen.

15. K.R.K.: Sie kennen nur eine Art zu „kleben“.

Sifu Groß: Kleben ist immer nur symbolisch gemeint gewesen, sonst bräuchten wir Patex oder UHU…

16. K.R.K.: Sie verstehen unter „Folgen“ nur Hinterherlaufen „mit Schritten“.

Sifu Groß: Wenn Folgen als einzelnes Prinzip bestand haben soll, dann vor allem wenn es um die Schritte geht. Im Vorstoßen zum Gegner ist ansonsten schon genug des Folgens enthalten. Der Angriffs(idee) des Gegners für einen Moment „zu folgen“ setze ich u.a. im Nachgeben in bestimmte Technikposition hinein um.

17. K.R.K.: Sie glauben, dass das Steife – das in seiner Form schon Vollendete – sich dem Entgegenkommenden anpassen kann.

Sifu Groß: Die gelernte Form als steif zu bezeichnen ist grundlegend falsch. Der Turmspringer kann nicht im Flug eine neue Strategie entwickeln wie er die Schraube oder den Salto einleitet. Es geht um die Annäherung an ein Ideal. Je enger die Situation umso wichtiger die verlässliche Form.

18. K.R.K.: Sie kennen nur Form-Techniken, die sie „an den Mann bringen“ wollen, die aber nie wirklich passen und deshalb mit Kraft und Schnelligkeit „passend gemacht“ werden müssen. Dadurch bleibt die mühelose Effizienz auf der Strecke.

Sifu Groß: Einer idealisierten Technik nahe kommen zu wollen heißt nicht, dass die Praxis ihre Tribute fordern wird. Jede Technik wird sich der veränderten Gegebenheit unfreiwillig anpassen. Mühelosigkeit entsteht durch überlegene Form und jahrelange Übung. Treffen zwei gleich trainierte Gegner aufeinander so schwindet der Anschein der Mühelosigkeit der vorher nur seinen Ausdruck gefunden hat in der Überlegenen Form und Technik des Meisters gegenüber einem Novizen oder mittelklassigen Kämpfer.

19. K.R.K.: Sie holen die Kraft für ihre Schlag- und Stoßtechniken aus dem Arm statt aus dem Restkörper (besonders Beine und Rumpf).

Sifu Groß: In der chinesischen Philosophie heißt es: „eine starke Kanone passt nicht zu einem Ruderboot“. In diesem Sinne kann eine hohe Grundaktivierung (ein starkes Schiff) die Wirkung eines Fauststoßes sehr verstärken. Körper und Schrittarbeit haben eine hohe Bedeutung für die Schlagkraft. Im Wing Tsun bleibt der Körpereinsatz (das Nutzen der sieben Gelenke) für den Laien jedoch weitgehend unsichtbar.

20. K.R.K.: In jedem Augenblick ist ihnen die Absicht, ihr Bemühen, etwas Bestimmtes zu tun– ihr Plan –anzusehen. Ihre Bewegungen wirken abgehackt und stümperhaft (wieDim Dim Ching bei den Formen), ihnen fehlt das Flüssige und Spontane.

Sifu Groß: Gute Struktur und Technik sind wie ein Stadtplan. Je mehr ich mich auf den verinnerlichten Plan verlassen kann (und das ist Technik) umso befreiter kann ich mich (in der Stadt) bewegen. Die neue Weichheit im Wing Tsun wirkt dagegen künstlich, pathetisch und nicht authentisch. Davon abgesehen kann sie in der Selbstverteidigung aus sportwissenschaftlicher Sicht nicht funktionieren.

Sifu Oliver Groß

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